Samstag, 24. August 2019
© Michael Habighorst Lean und agil im Realitätscheck

Lean und agil im Realitätscheck

von Michael Habighorst: Kunden zufriedenstellen und Herstellkosten senken – das lässt Unternehmerherzen höherschlagen. Für Kenner des Lean-Gedankens sind solche Buzzwords aber längst Schnee von gestern. Seit einigen Jahren sind Lean Management und noch aktueller Agilität auch als Workshops oder Inhouse-Trainings bei Fach- und Führungskräften gefragt. Doch ein echter Kulturwandel lässt sich nicht in wenigen Tagen aus dem Seminarraum ins Unternehmen „verpflanzen“. Mit meiner Radtour zum Nordkap können zweifelnde Führungskräfte erkennen, wozu Lean Management und Agilität fähig sind. Und, dass es sich lohnt, den Kulturwandel anzugehen.

Soweit mein Plan: ein Fahrrad, 29 Kilogramm Gepäck und das Nordkap als Ziel. Mit jeder Menge Schwung gestartet, wachte ich am Morgen nach meiner ersten Etappe in einer zentimetertiefen Seenlandschaft auf dem Campingplatz auf. Dank des Dauerregens am Vortag waren die ersten Kilometer zum Triathlon mutiert – laufen, schwimmen, Rad fahren gleichzeitig.

Statt Fischrestaurant in Straßburg wurde es Döner an der Ecke. Und statt der 100 Kilometer Strecke täglich setzten meine Erwartungen bereits am zweiten Tag zur Vollbremsung an. Doch nach vier Stunden Grübelei in meinem schwimmenden Zelt kam ich zu der Erkenntnis, dass mich eigentlich nichts an der Weiterfahrt hinderte.

Agil und nicht planlos

Die 9.149 Kilometer waren mein Projekt. Und sie verlangten eine ähnliche Durchführung wie ein komplexes Vorhaben im Unternehmen. Mit klassischem Projektmanagement wäre meine Planung bereits am zweiten Tag im Dauerregen abgesoffen. Dank Agilität brachten mich die Unwägbarkeiten Mittel- und Nordeuropas – oder Google Maps – kaum aus dem Tritt.

Auch Unternehmen, die ihre Projekte agil steuern, wissen, dass es in einem komplexen System nicht vorhersehbar ist, was passiert. Sie haben sich mit Überraschungen abgefunden. Und sie stellen sich darauf ein, indem sie sich vom Irrglauben verabschieden, ein Projekt minutiös planen zu können. Nichts anderes bedeutet agiles Vorgehen.

Drei Prinzipien für die Tour

Allzeit bereit zu sein, ist noch nicht agil – aber wichtig für den Start: Beim Rahmenbau dachte ich noch nicht an die Ausrüstung und beim Kauf des Equipments noch nicht an die mögliche Teststrecke. Mein Fokus lag von Anfang an nur auf dem, was gerade anstand.
So gab es auf meiner Testfahrt durch die Vogesen schon den ersten Rückschlag: ein Unfall nach gerade einmal zwei Kilometern! Meine Fahrradgabel – ein Unikat – war hinüber. Am liebsten hätte ich sie durch eine absolut gleichwertige ersetzt. Die Testfahrt wäre vorbei gewesen, bevor es richtig losgehen konnte. Stattdessen arbeitete ich mein Telefonbuch durch und konnte mir noch am gleichen Tag Ersatz von einem Freund besorgen und direkt einbauen. Schnell auf Probleme reagieren und keine perfekten, sondern funktionierende Lösungen suchen.
Auf dem Straßburger Campingplatz war das nächste Prinzip gefordert: Der grob geplante Rhythmus von 100 Kilometern am Tag als Schlüsselparameter stand auf dem Prüfstand. Er wich bald der Erkenntnis, dass täglich fünfeinhalb bis sechs Stunden abstrampeln, plus einen Ruhetag pro Woche, besser als Rhythmus taugten.

Langfristiges Ziel: Nordkap und zurück

Weltweit verbindet Unternehmen Langfristigkeit als zentrales Handlungsmotiv. Langfristiges Denken ist auch eines der vier wichtigsten Lean-Prinzipien. Zusammen mit „Respect for People“, dem Verzicht auf alles nicht Wertschöpfende sowie Problemlösung mit der Absicht einer kontinuierlichen Verbesserung bildet es den Kern der Lean-Philosophie. Langfristige Ziele und Verzicht stehen in einem besonders engen Zusammenhang. Ich muss kurzfristig bereit sein, auf etwas zu verzichten, um ein langfristiges Ziel zu erreichen.

Auf meiner Tour sollte dieses Credo mein verlässlicher Antrieb sein. So auch bei der Vorbereitung, als ein kompletter Tag dafür drauf ging, ein kleines Relief der Nordkapkugel an meinen Fahrradrahmen zu löten. Man hätte mir vermutlich Zeitverschwendung vorgeworfen. Einen Tag opfern, um ein Logo anzubringen? In Wirklichkeit war es viel mehr als das. Es war meine Zeremonie, um mich auf das Ziel einzuschwören. Und sie sollte sich auszahlen.

Einige Male war ich innerlich am Limit. Besonders heftig waren Schwedens endlose Fichtenwälder. Mein Gedanke: Ich pack es nicht! Jetzt rentierte sich meine intensive Zielarbeit vor Beginn der Tour. Denn jede Routenplanung war mit der Frage verknüpft: Bringt mich der Umweg zu einer schöneren Aussicht meinem Ziel näher? Nein. Also blieb ich auf meiner teils sehr öden und langweiligen Strecke. Tagelang stur durch den Fichtenwald.

Das Ergebnis der Tour

Nach vier Monaten hatte ich es geschafft: Ich war wieder zu Hause. Meine Bilanz: Auf fast 10.000 Kilometern war keine Herausforderung groß genug, als dass ich sie nicht mit Lean-Prinzipien und Agilität hätte bezwingen können. So habe ich als untrainierter Radfahrer, der noch nie jenseits von Sylt unterwegs gewesen war, ein anfänglich schier unmöglich erscheinendes Projekt gemeistert. Realitätscheck? Bestanden.

Doch nach wie vor wird mir vorgehalten, auf der Tour sei ich allein unterwegs gewesen, in Unternehmen gehe es aber um ganze Teams. Auch dafür gibt es eine Antwort: Jeder Einzelne muss bereit sein, die Denk- und Vorgehensweise anzunehmen. Dann erst kann ich es von anderen verlangen und auf eine Gruppe übertragen.

Bildmaterial © Michael Habihorst

Buchtipp

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Auf die schlanke Tour
So werden Unternehmen lean und agil
182 Seiten, Broschur
ISBN: 978-3-96009-095-3

€ 19,90 (D) | € 15,99 (E-Book)
O’REILLY

 

Über das Buch:
»Lean Management und Agilität funktionieren bei uns nicht!«, hört Michael Habighorst in vielen Unternehmen. In einem Selbstversuch demonstriert der überzeugte Lean-Verfechter eindrucksvoll, wie universell anwendbar die Lean-Philosophie ist: Mit dem Fahrrad fuhr er allein von Freiburg zum Nordkap und zurück – 9.149 Kilometer. Aus den spannenden, überraschenden, manchmal auch absurd-komischen Begebenheiten während seiner strapaziösen Radtour leitet er alle wichtigen Prinzipien des Lean Management und der Agilität ab. Prägnante, authentische Storys aus Unternehmen ergänzen den Reisebericht.

Über den Autor:
Michael Habighorst ist Berater für mittelständische Unternehmen, Autor und Redner. Der Diplom-Ingenieur ist eingefleischter Fan der Lean-Denkweise und lernte seinen Ansatz bei Hitoshi Takeda, einem der Begründer des Lean Managements von Toyota. Als zertifizierter Lean Experte, Scrum Master und Six Sigma Master Black Belt verknüpft er diese Prinzipien mit neusten agilen Herangehensweisen.

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