Samstag, 25. November 2017

Neue Produktionstechnologie erzwingt neue Geschäftsmodelle - Mit 3D-Druck zu attraktiven Märkten

Prof. Dr. Andreas Syska
von Prof. Dr. Andreas Syska, Hochschule Niederrhein, Fachbereich Wirtschaftswissenschaften

Die junge Technologie „3D-Druck" liefert faszinierende Resultate und wird derzeit zu Recht intensiv diskutiert. Die hieraus folgenden neuen Geschäftsmodelle und die deswegen notwendige Veränderung des Verhältnisses des Produzenten zu seinen Kunden erstaunlicherweise nicht. Dabei entstehen hier neue, attraktive Märkte. Überzeugende Konzepte, wie diese zu erschließen sind, sucht man in der derzeit fast ausschließlich technologiefokussierten Diskussion vergebens. Der nachfolgende Beitrag soll hier Anstöße liefern und einige Entwicklungsrichtungen aufzeigen.

3D-Druck ist das IT-unterstützte Erzeugen von plastischen Objekten aus pulverförmigen oder flüssigen Werkstoffen. Anwendungsbeispiele finden sich vom Modellbau bis zur Herstellung von funktionsfähigen Bauteilen in der Luft- und Raumfahrttechnik. Die Produkte werden in der Regel aus Kunstharz, Keramik oder pulverisiertem Metall hergestellt. Diese Anwendungen verlassen derzeit das Stadium des Laborversuchs und erobern ihre Märkte. Außerdem ist zu erwarten, daß sich der 3D-Druck auf andere Werkstoffe ausweitet, und daß sich die mittels 3D-Druck erzeugten - und derzeit teilweise noch recht limitierten - Werkstoffeigenschaften denen klassischer Fertigungsverfahren wie Umformen oder Gießen annähern. Zukünftig werden auch organische Materialien in größerem Umfang als heute verarbeitet - die ersten Anwendungen im Bereich der Lebensmittelproduktion können bereits jetzt belegt werden. 3D-Druck wird also ein breites Anwendungsspektrum abdecken.

Die sich abzeichnenden, umfangreichen, fertigungstechnologischen Innovationen induzieren auch andere Geschäftsmodelle. Für viele Unternehmen bedeutet dies nichts Geringeres als ein Ende der bestehenden Geschäftsgrundlage. Das kann als existenzgefährdend empfunden werden, aber es liefert auch viele Chancen, Kunden mittels neuer Geschäftsmodelle zu erfreuen. Dieser Aspekt der 3D-Technologie kommt in der aktuellen Diskussion viel zu kurz. 3D-Druck wird zur Folge haben, daß sich Produktion zum Kunden verlagert. Es zeichnen sich derzeit vier Anwendungsbereiche ab:

Die Montage, die sich selbst beliefert

In den Fabriken gibt es heutzutage oftmals noch eine klare Trennung zwischen mechanischer Fertigung und Montage. Die in der Montage benötigten Teile stammen in der Regel aus Fremdbezug oder aus der eigenen Vorfertigung. Der Verbraucher ist hier der Montagebetrieb. Mittels 3D-Druck wird die Montage in der Lage sein, die benötigten Teile selbst herzustellen - die Teilefertigung wandert also in die Montage, verstärktes Insourcing seitens der Hersteller wird die zu erwartende Folge sein. Wenn es dann noch gelingt, die Prozesszeiten eines Druckvorgangs weiter zu reduzieren, wird es für die Montage möglich sein, eine Vielzahl von Komponenten inline im Kundentakt herzustellen.

Selbst ist der Handwerker

Auch im Bereich des Handwerks wird die 3D-Technologie Chancen eröffnen. Der zum Beispiel auf Sanitärinstallationen spezialisierte Handwerksbetrieb wird in der Lage sein, das benötigte Installationsmaterial selbst herzustellen. Kurz nach Aufmaß können diese Dinge selbst erzeugt werden, entweder im Handwerksbetrieb oder sogar direkt vor Ort auf der Baustelle. Als Folge wird es minimale Zeiten zwischen Aufmaß und Installation geben - Wartezeit entfällt. Als Konsequenz daraus werden Handelsunternehmen die entsprechenden Produkte aus dem Sortiment nehmen müssen, die Produzenten werden nicht mehr nachgefragt, diese Produkte zu erzeugen, die gesamte Supply Chain leert sich. Handelt es sich bei dem geschilderten Beispiel noch um die Erzeugung von Standardteilen, so eröffnet der 3D-Druck die Möglichkeit zu individuellen Anwendungen. Aufgrund der hohen Flexibilität der Systeme und der Gegebenheit, nahezu beliebige Konturen in Losgröße Eins wirtschaftlich zu erzeugen, dürfte der weiteren Individualisierung von Produkten keine Grenze gesetzt sein.

Der produzierende Handel

So eröffnet der 3D-Druck die Möglichkeit, in Zukunft noch stärker auf individuelle Kundenwünsche eingehen zu können. Der Handel wird darauf sicher reagieren. Erste Beispiele von individuell gestalteten, mittels 3D-Druck hergestellten Smartphonehüllen sind erst der Anfang. Einrichtungsgegenstände aller Art, Modeschmuck, aber auch Textilien können auf diese Art individualisiert hergestellt werden. Und je nach Dauer des Prozesses kann das vor den Augen des Kunden geschehen. Die Verkaufsfläche mutiert zur Produktionsfläche - aus Einzelhandelsgeschäften werden kleine Fabriken.

Der Endverbraucher als Produzent

In letzter Konsequenz stellt der Kunde seine Produkte selbst her. Hierbei sind insbesondere die bereits erwähnten Lebensmittel zu nennen. Weitere sinnvolle Anwendungen für den Endverbraucher sind Produkte, die einem stetigen Verbrauch unterliegen. Dies können Haushaltstücher für die unterschiedlichsten Anwendungen sein, aber auch Frischhaltemittel oder Aufbewahrungsgegenstände. Die Produkte werden für die jeweilige Anwendung maßgeschneidert vom Verbraucher selbst erzeugt und ersparen ihm somit den Weg in den Supermarkt. Auch ein anderer Weg entfällt - nämlich der in den Baumarkt. Denn was dem Handwerker recht ist, ist dem ambitionierten Heimwerker gerade billig: die Herstellung der benötigten Bau- oder Reparaturmaterialien in der heimischen Hobbywerkstatt. Der Endverbraucher wird in der Lage sein, seine eigenen Produkte herzustellen, er wird zum Produzenten. Die Wertschöpfung verlagert sich zum Verbraucher, gleich ob Montagewerk, Handwerksbetrieb, Händler oder Konsument. Letzerer nimmt dank der 3D-Technologie den heutigen Produzenten ihre Aufgabe ab. Mit der Verlagerung der Wertschöpfung zum Kunden bricht das eigentliche Produktionsgeschäft weg. Aber wo Dinge wegfallen, entsteht auch Neues, wie der 3D-Copy-Shop in der Nachbarschaft, in dem Druckaufträge erledigt werden.

Der Produzent hat sich zu wandeln - weg vom bloßen Hersteller von Gebrauchsgütern oder Konsumartikeln hin zum Befähiger seines produzierenden Kunden.

Der Produzent stellt zukünftig das benötigte Produktionsequipment sowie das dazugehörige Know-how zur Verfügung. Er sorgt dafür, daß notwendige Materialien verfügbar sind und liefert außerdem den Service für die überlassenen Betriebsmittel. Letztere können dabei an den Kunden verkauft oder von diesem geleast sein. Der Produzent von morgen erzeugt für seine Kunden keine Produkte mehr, sondern entwickelt das 3D-Produktions-Know-how permanent weiter und überlässt es seinen Kunden. Es wird also ein weiter Weg zu beschreiten sein - vom Hersteller von Erzeugnissen zum Hersteller der für die Herstellung nötigen Betriebsmittel und Dienstleistungen seiner produzierenden Kunden.

Fazit

Der 3D-Druck hat das Potential, Wertschöpfungsprozesse grundlegend zu verändern und damit auch die Beziehungen zwischen Hersteller und Kunde auf eine völlig neue Basis zu stellen. Produzierende Unternehmen, aber auch der Handel und das Handwerk sind gut beraten, diese Entwicklung zu erkennen und die damit verbundenen Chancen zu ergreifen.

Weitere Informationen zum Thema und zur Fabrik der Zukunft finden Sie auf dem YouTube-Kanal des Autors http://www.youtube.com/user/ProduktionSyska

Lernen Sie Professor Syska auf der Jahrestagung „Montage 2014" persönlich kennen und diskutieren Sie mit ihm und den anderen Teilnehmern die Auswirkungen von 3D-Druck und anderen Aspekten der Fabrik der Zukunft auf die Montage-Prozesse.

icon Montage 2014 (3.28 MB)

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