Production System 2012

Benno Loeffler
In den kommenden Jahren werden wir zunehmend mit Fachkräftemangel kämpfen. So weit, so bekannt. Die Bundesregierung will sich kümmern... Das ist gut gemeint, wird aber für viele Know-how-intensive Firmen sicher nicht die erhoffte Wirkung zeigen. Ausländische Fachkräfte? Zweifelsohne wichtig. Aber einen ganz wesentlichen Hebel haben die Unternehmen selbst in der Hand – nämlich ihre guten Mitarbeiter zu halten. Wie die Führung hier agiert, entscheidet über Erfolg oder Misserfolg – ob man mit einer schlagkräftigen Mannschaft auf den Platz geht oder mit unmotivierten Einzelkämpfern. Oder ob man vielleicht sogar ganz ausscheidet.

Nach einer aktuellen Umfrage von Gallup kündigen 50 Prozent aller Mitarbeiter, weil sie unzufrieden mit ihrem Chef sind. Was noch viel dramatischer ist: 89 Prozent der Arbeitnehmer haben keine oder nur eine geringe emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber. Und in den letzten acht Jahren hat die Anzahl der Mitarbeiter mit emotional hoher Bindung von 16 Prozent auf 11 Prozent abgenommen! Schon der gute alte Demming sagte bereits vor Jahrzehnten sinngemäß: Jeder Mitarbeiter sollte das Recht haben, auf seine Arbeit stolz zu sein. Allerdings führen gut gemeinte Management-Praktiken diesen Gedanken heute oft vollkommen ad absurdum – und sorgen so reihenweise für, zumindest innere, Kündigungen der Mitarbeiter. Hier sind nur drei von vielen:

1. Prozess-Standardisierung:
Wenn Mitarbeiter ihre Arbeit kaum noch machen können, weil die echte, tägliche Realität nicht zum Elfenbeinturm-Standard passt, dann passiert wieder ein wenig mehr innere Kündigung.. Standardisierung ist richtig, wenn Mitarbeiter die Standards selbst festlegen, verbessern und anpassen, wenn immer nötig.

2. Ziele und Boni:
Sie machen Führungskräfte zu Egoisten und Abteilungen zu Feinden. Wenn nur noch der kleine Dienstweg funktioniert, Schuldzuweisungen die Besprechungen dominieren und Politik den Blick auf den Kunden versperrt, dann passiert wieder ein wenig mehr innere Kündigung... Ziele sind gut, wenn Mitarbeiter sich selbst mit der Vergangenheit oder mit dem Wettbewerb vergleichen. Und zwar um besser zu werden, nicht um irgendeinem willkürlichen Ziel gerecht zu werden!

3. Lean Management: Firmen machen Lean-Management um besser zu werden.
Oft geht es aber in die falsche Richtung: Eine Kostenreduktion um 20 Prozent muss erreichbar sein. Zuerst werden Mitarbeiter mit 5S gequält, indem man z. B. vorschreibt, wie der Schreibtisch oder die Werkbank auszusehen hat. Linkshänder? Egal! Dann müssen alle Mitarbeiter Vorschläge zur Verbesserung machen. Und am Ende müssen dann einige Mitarbeiter gehen, denn sonst bekommt man das Kostenproblem nicht in den Griff. Dann müssen die Ziele angepasst und die Prozesse besser standardisiert werden, damit die kleinere Mannschaft das auch schafft. Und während man der Sau zusieht, wie sie aus dem Dorf rennt, passiert wieder ein wenig mehr innere Kündigung... Lean ist spitze! Wenn Lean nicht als unreflektiertes „Anwenden von Methoden", sondern als „gemeinsam konsequentes Verbessern" verstanden wird. Oft werden Methoden jedoch zur Plage: Arbeit ohne Nutzen, weil das Management nicht mehr die Mitarbeiter und Kunden, sondern zentrales Prozessmanagement und Kennzahlen im Kopf hat. In solchen Firmen wollen Leistungsträger nicht arbeiten, denn dort gibt es zu viele Leistungsbremsen!

Deshalb ist sie so wichtig, echte Lean-Führung. Sie ist ein exzellentes Instru-ment, um Mitarbeiter zu halten – und letztlich auch, um Mitarbeiter zu gewinnen. Wie geht das? Echte Lean-Führung heißt, Mitarbeiter in Verbesserungsarbeit und Problemlösung zu coachen, Mitarbeitern zu vertrauen, Mitarbeiter Entscheidungen treffen zu lassen und Mitarbeiter an ihrer Verbesserungsleistung zu messen. Ergibt unter'm Strich: ein hohes Maß an Transparenz, hohe Verantwortung, gute Ergebnisse und sichtbar stolze Mitarbeiter. Das sorgt für die richtige Art von Aufmerksamkeit. Und das hält nicht nur Mitarbeiter, sondern zieht auch die richtigen Mitarbeiter an.

Der Autor:
Benno Löffler ist Managing Partner der Lean-Beratung Vollmer & Scheffczyk GmbH (Hannover/Stuttgart/Solothurn. www.v-und-s.de) Dieser Text ist auch als Gastkommentar im „Notizblog" von Dr.-Ing. Lars Vollmer auf www.lars-vollmer.com erschienen. Vollmer ist Inhaber der Lean-Beratung Vollmer & Scheffczyk GmbH (Hannover/Stuttgart www.v-und-s.de) und anerkannter Keynote Speaker zum Thema „Umsetzungskraft im Unternehmen"